Dr. Wilhelm Borkholder
* 18. Februar 1886 in Rothenburg o.d.T.
+ 18. Juni 1945 in Erlangen
Oberbürgermeister und Jurist
Nach dem überraschenden Rücktritt von Oberbürgermeister Ernst Rohmeder am 7. November 1919 wurde sein bisheriger Stellvertreter, Dr. Wilhelm Borkholder, zu seinem Nachfolger gewählt. Er amtierte, bis er auf Druck der Nationalsozialisten am 5. Mai 1934 zurücktrat.
Dr. Borkholder war 1929 zum „Oberbürgermeister auf Lebenszeit“ gewählt worden, wie sich seine Tochter Dr. Susanne Lauer-Borkholder erinnert, und hat nach seinem erzwungenen Rücktritt das Planungsbüro bei der Bezirksregierung von Mittelfranken geleitet. Während des 2. Weltkrieges hat er, wie im 1. Weltkrieg, das Wirtschafts- und Markenamt der Stadt Ansbach geleitet. Nach dem Einmarsch der Amerikaner wurde Dr. Borkholder zum Landrat von Ansbach ernannt, verstarb jedoch nach nicht einmal zwei Monaten Amtszeit in Erlangen an einem Nierenabszess und wurde am 29. Juni 1945 auf dem Ansbacher Stadtfriedhof gleich neben einem seiner Vorgänger, neben dem Grab von Ludwig von Keller, bestattet.
Wilhelm Borkholder ist im Februar 1886 in Rothenburg o. d. Tauber als Sohn eines Industrie-Kaufmannes geboren worden und in Ansbach aufgewachsen. Sein Vater war Direktor und Miteigentümer der Kinderwagenfabrik Louis Schmetzer. Nach dem Jura-Studium wurde er am 30. Juli 1913 vom Kollegium der Gemeindebevollmächtigten zum städtischen Rechtsrat gewählt, 1919 dann zum Stadtoberhaupt und wegen seiner außerordentlich guten Amtsführung am 1. Februar 1923 mit dem Titel „Oberbürgermeister“ bedacht. Zu Beginn seiner Amtszeit stellte er seine Tätigkeit unter das Geleitwort: „Das Wohl der Stadt und der Bürgerschaft muß das oberste Gesetz jeglicher Amtstätigkeit bilden“.
Seit der Zeit von Bürgermeister Endres, so schreibt der Lokalhistoriker Dr. Adolf Bayer, habe Ansbach keinen gleich tüchtigen, beliebten und allgemein hoch geachteten Bürgermeister gehabt. Besonders gelobt wurde von Zeitgenossen die Fähigkeit Borkholders, die Stadt glänzend zu vertreten und zu repräsentieren. Auf Druck des Kreisleiters der NSDAP, Richard Hänel, trat Dr. Wilhelm Borkholder am 5. Mai 1934 zurück. Dies war, so erinnert sich seine Tochter Dr. Susanne Lauer-Borkholder, für ihn ein schwerer Schlag. Über ein halbes Jahr lag Dr. Borkholder krank darnieder, zeitweise auch in Kliniken, und konnte nur sehr schwer mit diesem erzwungenen Rücktritt fertig werden.
Dr. Wilhelm Borkholder wollte sich nach der Machtergreifung mit den Nationalsozialisten arrangieren und dachte, er könne mit gewissen Zugeständnissen an die neuen Machthaber im Amt bleiben. Nach Bekanntgabe des Rücktritts von Dr. Borkholder sagte der Fraktionsführer der NSDAP im Stadtrat, Richard Hänel unter anderem folgendes:
„Als Sie vor Jahresfrist mir ihr Amts zur Verfügung stellten, habe ich in Anerkennung des Verhaltens ihrer Persönlichkeit vor der Machtergreifung der Bewegung als auch der Verdienste, die Sie sich um die Stadt Ansbach erworben haben, davon abgesehen, von ihrem Angebot Gebrauch zu machen. … Ich darf mit Freude feststellen, daß Sie den neuen Verhältnissen das größte Verständnis entgegenbrachten und mit ihrer ganzen Kraft als Oberbürgermeister den Wideraufbau unseres Vaterlandes zusammen mit der Fraktion in nationalsozialistischem Sinne vorwärts trugen. … Wenn Sie trotzdem, Herr Oberbürgermeister, die Überzeugung gewonnen haben, daß der Zeitpunkt eingetreten ist, der einen Wechsel in der Person des 1. Bürgermeisters erforderlich macht, so beweist das aufs Neue die Größe Ihres Charakters und Ihrer Persönlichkeit. Sie haben zum Ausdruck gebracht, daß Sie angesichts der neuen Sachlage sich nicht in den Schmollwinkel stellen wollen, sondern bereit sind, auch weiterhin der Stadt Ihre Kraft zur Verfügung zu stellen. Das ist nationalsozialistische Gesinnung.“
In seiner Abschiedsrede im Stadtrat sagte Dr. Wilhelm Borkholder unter anderem: „… Die Jahre meiner Amtstätigkeit waren sorgen- und verantwortungsvoll. Aber trotzdem: es war ein nicht leichter, aber ein schöner Beruf. … Ich habe nur einen Wunsch, daß es gelingen möge, durch die großen Ziele, die unser Führer auf dem Gebiete der Arbeitsbeschaffung sich gesteckt hat, dieses Werk seiner Vollendung zuzuführen. Wenn ich auch nicht zu den alten Kämpfern zähle, so glaube ich doch den Sinn und Geist des Nationalsozialismus dahin erfaßt zu haben, daß ich von der Überzeugung durchdrungen bin, daß es auch das kleinste Opfer zu bringen gilt um der Sache willen, die uns alle angeht, zum Besten der Volksgemeinschaft nach dem Willen des Führers. …“
Die Liste der Projekte, die während der Amtszeit Dr. Borkholders verwirklicht wurden, ist lang. Sein Hauptaugenmerk lag auf gesunden finanziellen Verhältnissen der Stadt. Der Bau der zentralen Kanalisation in allen Stadtvierteln war eines seiner Hauptprojekte, da Dr. Borkholder der Auffassung war, der Fortschritt der Stadt sei von dem Grade des Fortschritts dieser aus hygienischen und kulturellen Gründen unerlässlichen Arbeit abhängig. Doch dieses Großprojekt der Kanalisation wurde nur Schritt für Schritt verwirklicht, so dass auch kleinere Projekte verwirklicht werden konnten, wie der Bau der Güllschule, der Fachschule und der Oberrealschule. Das Landhaus, heute Stadthaus, wurde erworben und als zentrale Schaltstelle der Stadtverwaltung mit Sitz des Oberbürgermeisters ausgebaut.
OB Dr. Wilhelm Borkholder ließ auch die alten Rezathallen erbauen, um den Absatz der landwirtschaftlichen Erzeugnisse zu fördern und eine Halle für „Kundgebungen und Massenveranstaltungen“ zu haben. Die Sparkasse wurde während seiner Amtszeit im Museumsgebäude an der Promenade untergebracht, wo sie noch heute ihren Hauptsitz hat. Die städtischen Werke und Betriebe wurden, so berichtete damals die Fränkische Zeitung, unter Borkholder den Erfordernissen der Zeit entsprechend ausgestattet und effektiv organisiert. Maßgeblich war er auch am Bau des Hauses der Volksbildung am Schlossplatz beteiligt. Eigens wurde beim Rücktritt Dr. Borkholders von der Lokalzeitung auch gewürdigt, dass er das Gefallenendenkmal an der Johannis-Kirche hat errichten lassen.
Frau Dr. Susanne Lauer-Borkholder beschreibt ihren Vater als einen offenen, witzigen und gesprächigen Mann, der während seiner Amtszeit immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte seiner Mitbürger hatte. Er war, so Frau Dr. Lauer-Borkholder, ein sehr bürgernaher Politiker. Das große Hobby von OB Dr. Borkholder waren Bücher gewesen. In jeder freien Minute habe er gelesen und sei immer über die aktuellen Neuerscheinungen im Bilde gewesen. Er war Mitglied der Platen- und der Schopenhauer-Gesellschaft und ihm ist es wohl zu verdanken, dass die Platen-Gesellschaft in den 1920er Jahren mehrmals in Ansbach tagte und auch Thomas Mann hierher kam. Dr. Borkholder war auch Mitglied des Kirchenvorstandes von St. Johannis und Mitglied der Ansbacher Freimaurerloge.
Frau Dr. Lauer-Borkholder kann sich auch noch gut daran erinnern, wie am Ende der 1920er Jahre, als auch in Ansbach die Arbeitslosenzahl gigantische Ausmaße angenommen hatte, auf der Treppe vor der Wohnung in der Merckstraße Mütter mit ihren Kindern saßen und um Essen flehten, das Frau Borkholder zubereitete. In der Borkholder’schen Wohnung war auch einmal Kronprinz Rupprecht von Bayern zu Gast, und hat dort auch zu Mittag gegessen. Das Bild, so Dr. Lauer-Borkholder, das bei diesem Anlass entstanden ist und vom Kronprinzen signiert worden war, haben die Amerikaner gestohlen.
Text: Alexander Biernoth

