Henriette Feuerbach
* 13. August 1812 in Ermetzhofen
+ 5. August 1892 in Ansbach
Schriftstellerin und Musikerin
Die Pfarrerstochter Henriette Heydenreich wuchs unter anderem in Ansbach auf, 1834 heiratete sie den Archäologen Josef Anselm Feuerbach. Nachhaltig nahm sie Einfluss auf die Entwicklung und Erziehung ihres Stiefsohns, des Malers Anselm Feuerbach.
Die humanistisch gebildete Schriftstellerin setzte unter anderem den Ansbacher Dichtern Uz und Cronegk ein literarisches Denkmal.
Johannes Brahms vertonte das Gedicht Nänie von Friedrich Schiller aus dem Jahr 1800 („Auch das Schöne muß sterben!“ 1880/81 zum Andenken an den Maler Anselm Feuerbach für Chor und Orchester (op. 82) und widmete es mit den Worten: Frau Hofrat Henriette Feuerbach zugeeignet.
Brahms begann die Arbeit an der Vertonung von Schillers Nänie im Frühjahr 1880 als Reaktion auf den Tod eines Freundes, des Malers Anselm Feuerbach. Mit der Auswahl einer Textvorlage, die in Titel, Motiven und Form einen Bezug zur griechischen Antike herstellt, verwies Brahms hierbei auf die antiken Sujets, die Feuerbach bevorzugte. Nach einer Arbeitsunterbrechung stellte er das Werk im Sommer 1881 fertig und widmete es Henriette Feuerbach, der Stiefmutter des Malers. Die Nänie entstand somit gut zehn Jahre nach Brahms’ bekanntestem Chorwerk, dem Deutschen Requiem op. 45, das in vergleichbarer Weise einen musikalischen Ausgleich zwischen der Trauer um einen Verstorbenen und der Tröstung der Hinterbliebenen herstellt.
Musikalische Umsetzung der Textvorlage
Die Stimmung von Brahms’ Komposition wird allgemein als sanft, undramatisch und versöhnlich beschrieben. Es ist bezeichnend für die Atmosphäre des Werks, dass es als Klagegesang ganz in Dur-Tonarten steht.
Formell gliedert Brahms den Text in drei Teile, die der inhaltlichen Gestaltung des Gedichts entsprechen: Die 24 Takte dauernde orchestrale Einleitung ist von Seufzermotiven durchzogen und führt in der Oboe bereits das Thema des ersten Teils ein. Formteil A, in andante, D-Dur und 6/4-Takt gehalten, vertont daraufhin die ersten vier Distichen, die den Tod des Schönen beklagen und durch drei mythologische Beispiele illustrieren. Dabei beginnt der Sopran mit der Feststellung „Auch das Schöne muß sterben“, die übrigen Stimmen kommen fugenartig nach und nach hinzu. Das Crescendo gipfelt in der homophonen Klage darüber, dass das Schöne allein Hades, den Herrscher der Unterwelt, nicht rühren könne. Nach einer kurzen Zäsur beginnt der Bass in Takt 47 den Text des zweiten Distichons mit einer Variation des Fugenthemas. Auch diese Passage mündet, bei der Erinnerung an das Scheitern Orpheus’, in einer Homophonie, die das komplette Werk durchzieht, wenn es darum geht, eindringlich die Unausweichlichkeit des Todes zu beschreiben. Der dritte Doppelvers erinnert daran, wie Aphrodite dem auf der Jagd verwundeten Adonis zur Hilfe eilt. Musikalisch findet dies darin Ausdruck, dass in Takt 65 zunächst die Männerstimmen beginnen, Alt und Sopran zwei Takte später im Kanon einsetzen. Der Beschreibung des Keilers, der Adonis die tödliche Wunde zufügt, verleiht Brahms durch eine kraftvolle Hemiole Nachdruck, die den Abschluss jedes der ersten vier Distichen bildet. Mit dem Tod des Achilles folgt nun, der Chor durchgehend in forte und von bewegten Streicherfiguren begleitet, die dramatischste Passage des Werks, das ab Takt 81 bei den Worten „sein Schicksal erfüllt“ seinen dynamischen Höhepunkt erreicht.
Teil B ab Takt 85 basiert auf dem fünften und sechsten Distichon, die von Thetis’ Klage und deren Wirkung auf Menschen und Götter berichten. Dieser inhaltliche Wendepunkt findet in der Musik durch einen Wechsel nach Fis-Dur seine Entsprechung; darüber hinaus steht dieser Teil im 4/4-Takt und einem gehaltenen Tempo (Più sostenuto). Das Aufsteigen der Nymphe aus dem Meer gibt Brahms durch eine unisono aufsteigende Linie wieder und auch die pizzicato gespielten Streicher können als tonmalerische Ausgestaltung des Wassers aufgefasst werden. Infolge der Gliederung entfällt eine unterschiedliche Textmenge auf die musikalischen Formteile, so dass Textwiederholungen zum Ende hin häufiger werden. Brahms nutzt diese Situation, um der Klage „aller Götter“ durch eine doppelte Vertonung des sechsten Distichons größeren Nachdruck zu geben. Das Weinen, insbesondere der Göttinnen, ist hierbei chromatisch ausgestaltet. Die erste Ausführung ab Takt 97 beginnt piano und steigert sich zur forte vorgebrachten Klage darüber, „daß das Vollkommene stirbt“. Die zweite Vertonung ab Takt 119 schließt daran in forte an, mündet jedoch im dynamischen Tiefpunkt des Werks, einer beinahe a cappella gesungenen Pianissimo-Stelle des Chors ab Takt 137.

Ein Vergleich des Soprans in den Takten 25 und 149 zeigt, wie das Anfangsthema im Formteil A‘ wieder aufgenommen wird.
In den Takten 141–181 kehrt Teil G zu Tempo, Takt und Tonart des A-Teils zurück und greift nach einer achttaktigen instrumentalen Überleitung auch dessen Thema auf, um fugenartig das abschließende Distichon „Auch ein Klaglied zu sein …“ zu vertonen (siehe Notenbeispiel). Diese Bogenform betont die bei Schiller bereits angelegte Gegenüberstellung der Klage zu Beginn mit dem tröstlichen Gedanken am Schluss des Gedichts. Dem letzten Vers („das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab“) widmet Brahms nur wenige Takte, in denen er nochmals, diesmal jedoch in piano, wie in Teil A mit einer homophonen Hemiole an den Tod erinnert. Anschließend betont er den positiven Aspekt des Schlussgedankens, indem er ab Takt 162 den vorletzten Vers („Auch ein Klaglied zu sein …… ist herrlich“) erneut aufgreift und abschließend mehrfach auf dem Wort „herrlich“ insistiert.
Rezeption
Die Uraufführung von Brahms’ Nänie fand am 6. Dezember 1881 in Zürich statt. Im gleichen Monat erschien das Werk auch im Druck. Das Konzert hinterließ beim Publikum einen tiefen Eindruck und wurde auch finanziell ein Erfolg, so dass der Vorstand der Tonhalle als Anerkennung für Brahms einen silbernen Pokal anfertigen ließ. Weitere Aufführungen folgten rasch, darunter 1882 in Wien. Heute zählt das ca. 15 Minuten dauernde Werk nach dem Deutschen Requiem op. 45 und in einer Reihe mit der Rhapsodie für Alt-Solo, Männerchor und Orchester op. 53, dem Schicksalslied op. 54 und dem Gesang der Parzen op. 89 zu den bekannteren Chorwerken Brahms’.

