Kaspar Hauser
* unbekannt
+ 17. Dezember 1833 in Ansbach
Rätselhaftes Findelkind
Das Schicksal des geheimnisvollen Findelkinds Kaspar Hauser, der um 1812 geboren wurde und am 17. Dezember 1833 in Ansbach auf mysteriöse Art und Weise verstarb, bleibt bis heute faszinierend. Wissenschaft und Kunst haben sich der Thematik angenommen, zuletzt war es die moderne Genforschung, die nachwies, dass Kaspar Hauser kein Prinz aus dem Hause Baden war. Doch wer war der ca. 16-jährige Junge, der am 26.Mai 1828 in Nürnberg am Unschlittplatz auftauchte?
Das Begleitschreiben, dass er am Pfingstmontag mit sich trug, der sog. „Mägdleinzettel“ enthielt den Hinweis „von der baierischen Gränz“. Man brachte ihn in den Turm „Luginsland“ in die Obhut eines Gefängniswärters. Nach einem Bericht des Nürnberger Bürgermeisters Jakob Friedrich Binder, der auf langen Gesprächen mit Kaspar Hauser basierte, wäre dieser über lange Zeit bei Wasser und Brot eingesperrt gewesen. Zur Pflege und Erziehung wurde Kaspar Hauser dem Lehrer Georg Friedrich Daumer übergeben. Dieser berichtete von Hausers künstlerischer Begabung und führte homöopatische Experimente mit ihm durch. Am 17.Oktober 1829 soll es im Haus des Lehrers zu einem Angriff gekommen sein, von dem das Findelkind eine Schnittwunde an der Stirn zurückbehielt. So erschien Hauser auf dem zeitgenössischen Porträt von Johann Lorenz Kreul. Bei den neuen Pflegeeltern Biberbach löste sich am 3.April 1830 ein Pistolenschuss. Der Bekanntheitsgrad Kaspar Hausers erregte das Interesse des englischen Lords Philip Henry Earl of Stanhope, der im Dezember 1831 dessen Vormundschaft übertragen wurde.
Stanhope brachte Hauser in Ansbach im Haus des Lehrers Johann Georg Meyer unter. Hier kam der Jurist, Reformer und Appellationsgerichtspräsident Anselm von Feuerbach mit Hauser in Kontakt und verhalf ihm 1832 zu einer Anstellung als Gerichtsschreiber und Kopist. Zwischenzeitlich hatte sich Lord Stanhope von Hauser abgewandt, behauptete 1835 sogar in seinen „Materialien zur Geschichte Kaspar Hausers“, er sei von diesem getäuscht worden. Im Gegensatz dazu verfasste sein Gönner Feuerbach 1832 das Buch „Kaspar Hauser. Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen“. In der Stadt an der Rezat verkehrte Hauser in bürgerlichen Kreise und erfreute sich großer Beliebtheit. Am 20.Mai 1833 wurde er in der Gumbertuskirche durch Pfarrer Fuhrmann konfirmiert.
Durch einen Unbekannten in den Hofgarten gelockt, kam es am 14. Dezember 1833 zu einem Attentat, an dessen Folgen Kaspar Hauser drei Tage später starb. Ein lilafarbener Damenbeutel enthielt in Spiegelschrift mögliche Hinweise auf den Täter. Der bayerische König Ludwig I. setzte die hohe Summe von 10.000 Gulden zur Ergreifung des Täters aus. Allerdings kam am 11. September 1834 das Kreis- und Stadtgericht Ansbach zu dem Urteil, dass man Selbstverschulden nicht ausschließen könne. Auf dem Sterbebett hatte Kaspar Hauser geäußert: „Warum sollte ich Zorn oder Hass … auf die Menschen haben, man hat mir ja nichts getan“. Ein Mythos war geboren.
Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung fand am 20.Dezember 1833 der Leichenzug zum Ansbacher Stadtfriedhof statt, wo Kaspar Hauser seine letzte Ruhestätte fand. Sein Grabstein trägt die lateinische Inschrift: „Hic jacet Casparus Hauser aenigma sui temporis ignota nativitas occulta mors MDCCCXXXIII“ (Hier liegt Kaspar Hauser, Rätsel seiner Zeit, unbekannt die Herkunft, geheimnisvoll der Tod 1833). Im Hofgarten, in der Nähe des Denkmals für den Ansbacher Dichter Johann Peter Uz, wurde an der Stelle des Attentats ein Gedenkstein errichtet. Die lateinische Inschrift lautet: Hic occultus occulto occisus est XIV. Dec. MDCCCXXXIII (Hier wurde ein Geheimnisvoller auf geheimnisvolle Weise getötet 14. Dez. 1833).
Prinz oder Betrüger? Das Phänomen Kaspar Hauser beschäftigte schon die Zeitgenossen, Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler. Der sogenannten Erbprinzentheorie, nach der Hauser ein vertauschter Prinz des Hauses Baden war, hingen in der älteren Literatur Hermann Pies, der zwischen 1925 und 1973 mehrere Sammelbände verfasste und Johannes Mayer und Peter Tradowsky in ihrem anthroposophischen Werk „Kaspar Hauser, das Kind von Europa“ von 1984, an. Vieles wurde über Hauser vermutet, sein Schicksal bleibt ein weites, beliebtes Feld für Spekulationen. Über Kaspar Hauser existieren Theaterstücke und Musicals bis hin zur „graphic novel“ in Comic-Form. Am Wohnhaus Kaspar Hausers am heutigen Montgelas-Platz erinnert eine Tafel an seine Ansbacher Jahre. Künstlerisch setzten sich in unseren Tagen Friedrich Schelle und Jaume Plensa mit der Thematik auseinander, erster stellte 1981 Hauser in Bronze in der Platenstraße als Findling und als jungen Ehrenmann dar, letzterer schuf 2007 für den Montgelas-Platz eine subtile Figur, aus der ein Bäumchen emporwächst.
Unter der literarischen Rezeption ist Jakob Wassermanns historischer Roman „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“ von 1908 hervor zu heben. Jeweils ein filmisches Denkmal setzten 1974 Werner Herzog mit dem Titel „Jeder für sich und Gott gegen alle“, und 1993 Peter Sehr mit „Kaspar Hauser – Verbrechen am Seelenleben eines Menschen“. Seit 1998 finden unter der Intendanz Eckart Böhmers in Ansbach im zweijährigen Turnus die „Kaspar-Hauser-Festspiele“ statt.
Im Markgrafenmuseum, wo eine ganze Abteilung dem Lebensweg Hausers gewidmet ist, wird auch die Kleidung präsentiert, die er am Tag des Attentats trug. Neue Wege beschritt die naturwissenschaftliche Forschung, indem sie seit 1996 dem Mythos mittels mehrerer DNA-Analysen zu Leibe rückte. Die Faszination blieb hingegen ungebrochen. Als außerordentliches Zeugnis der materiellen Sachkultur wurde die Kleidung Kaspar Hausers 2019 vom Freistaat Bayern als einer von 100 Heimatschätzen ausgezeichnet.
Literatur in Auswahl:
Johannes Mayer/ Peter Tradowsky, Kaspar Hauser, das Kind von Europa, Stuttgart 1984.
Anna Schiener, Der Fall Kaspar Hauser, Regensburg 2010.
Artikel „Kaspar Hauser“ von Wolfgang F. Reddig, in: Alexander Biernoth/ Wolfgang F. Reddig, Ansbach-Lexikon 1, Ansbach 2020, S. 145.
(Wolfgang F. Reddig)


